Dead Polaroids

 

Ok, ich wollte an dieser Stelle schreiben, wie ich die Ausstellung „The Polaroid Project“, die aktuell im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg läuft so finde. Wir haben die Ausstellung Anfang April mit Dan besucht. Aber wir haben uns anders entschieden. Beschrieben wir die Ausstellung, so würdet Ihr Euch ein Bild machen können, das wäre dann positiv oder negativ, aber auf jeden Fall wäre es nicht gut. Wer die Ausstellung sehen wollte, hätte bereits eine Erwartung, eine Hoffnung. Ob diese nun negativ oder positiv wäre, sei dahin gestellt. Das wollten wir nicht.

Statt dessen wollten wir darüber berichten, warum gerade Polaroids. Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht? Warum diese jetzt so einen Hype erleben. Weil sie hip sind? Tja, vielleicht. Vielleicht ist es auch so, dass Menschen heute einfach Sehnsucht nach der guten, alten analogen Welt haben. Ich denke nicht nur. Denn das wäre zu wenig. Und dann gäbe es sicherlich viel mehr Punkte, die wir hätten benutzen können. Die analog sind. Also alt.

Ich glaube, da geht es auch um was anderes.

Manch einer sagt dann die Haptik. Es ist was anderes, ein kleines Bild in der Hand zu halten. Statt ein digitales im Smartphone. Es gab auch hier Versuche, kleine Drucker auf den Markt zu geben. Drucker um digitale Fotos in der Hand halten zu können. Ein schickes Spielzeug, das niemand haben wollte. Käufer, Fans und Hersteller mögen mir bitte an der Stelle verzeihen. Vermutlich war es der Fall in den 80ern. Damals wurden Fotos im Labor entwickelt. Ich habe selbst manchmal zugeschaut. Oder es wurden halt Polaroids gemacht. Und das Bild kam aus dem kleinen Kasten raus.

Worum geht es also bei Polaroids? Bei einem Bild, das den Namen des Herstellers trägt. Ich denke, da geht es um was anderes. Ich glaube, bei dieser ganzen Geschichte geht es um den Moment. In der Digitalfotografie vervielfältigt sich das Motiv fast unendlich. Ich kann 100 Fotos desselben Sonnenuntergangs schießen. Die eingebaute Künstliche Intelligenz wählt das beste raus. Denn sie lernt meinen Geschmack. Und weiß, was ich mag. Und es hilft mir, mich auf das beste Bild zu konzentrieren. Auf mein Motiv. Und auf das Licht.

Habe ich aber nur eine Chance, wie eben bei Polaroids, denke ich noch mal nach. Ich überlege. Ich schaue erneut hin. Korrigiere meine Position. Gehe vielleicht näher dran. Gehe in mich. Und dann drücke ich auf den Auslöser.

Und im Grunde ist es eine meditative Tätigkeit am Ende. Denn der Prozess des Fotografierens wird zu dem, was es mal war: Zur Konzentration auf das Motiv. Und darum geht es am Ende.

Eine Frage bleibt noch offen. Oder? Ja, die ist bestimmt noch nicht beantwortet worden, auch wenn keiner jetzt fragt. Warum sind sie tot. Die Polaroids. Zumindest in dem Titel hier. Warum sind sie tot? Das ist sehr einfach zu erklären und hat nichts damit zu tun, dass sie aus einer analogen Welt stammen. Wie ich anfangs sagte, ich wollte im Grunde etwas über die Ausstellung schreiben. Ich habe etwas anderes geschrieben. Den Titel habe ich aber nicht geändert. Er blieb da. Wie ein Polaroid.

Den Link zu der Ausstellung findet Ihr hier.

Die Leere

 

Die Leere also. Das Nichts. Leere Felder zwischen den schwarzen und weissen Steinen auf einem Go Feld. Die Zeit zwischen zwei Noten. Die Leere. Viele Möglichkeiten. Oder doch nicht? Oder verhindert gerade die Leere, dass Möglichkeiten entstehen? Saugt sie in sich auf? Die Leere also.

Ein Zustand ohne Substanz. Zumindest beschreibt es Han so. Ein Zustand, den ich, wenn ich gut bin, während der Zen Übung erreichen kann (nicht zu verwechseln mit Satori, da geht es um etwas anderes). Der mir erlaubt die Welt zu sehen wie sie ist. “Leerheit” übersetzt Han den buddhistischen Begriff sûnyatâ. Ich kenne auch noch den anderen. Das japanische Wu oder das chinesische Mu. Die Leere. Der Zustand, in dem keine Gedanken stören. Aber da ist noch mehr als nur das. Es ist eine Lebenseinstellung. Es geht darum, das eigene Ich nicht in den Vordergrund zu stellen. Eine Position, die Welt an sich zu lassen, ohne die eigene Einstellung zu ihr. Es geht darum, die Welt roh, ungefiltert betrachten zu können. Ein Versuch de unmittelbaren Erfahrung der Welt. Ohne Erwartungen, ohne Hoffnungen, ohne ein Ziel und ohne eine Vorstellung. Einfach da zu sein in der Welt und die Erfahrungen an sich lassen. Es gelingt nur, wenn die Seele leer ist.

Die Leere. Im Raum gedacht bedeutet sie Möglichkeiten. Denn nur in der Leere können Gegenstände ineinander übergehen. Kann der Berg zu einem Fluss und einem Feld werden. Nur in einer leeren Landschaft besteht die Möglichkeit des fließenden Übergangs. Ohne feste Grenzen, ohne fest definierte Substanz. Die Leere Landschaft ist der Ort an dem sich die Substanz ausbreiten kann, gleichzeitig das substanzielle verlierend. Wo sie ihre Art verliert und dadurch zu dem wird was sie ist, zum Leben. Denn im Leben ändern sich ständig Zustände, Empfindungen und Erwartungen.

Die Leere also. Das Nichts. Die Abwesenheit der Substanz die alles möglich macht. Oder noch mehr? Die Möglichkeiten erinnerten mich mal in einem anderen Kontekst an Sarah Kanes Stück “Gesäubert”. Ich lehne mich jetzt seehr stark aus dem gedanklichen Fenster, doch damals dachte ich daran, dass fehlende Gliedmaßen der Protagonisten Möglichkeiten eröffnen. Möglichkeiten, jemand anders zu sein. Möglichkeiten, sich in eine andere Person zu verwandeln. Aber wozu? Nun. Um die innere Leere zu füllen. Die Leere, die entsteht, wenn die eigene Identität versagt. Oder die Leere, die entsteht, wenn wir auf der Suche sind und überzeugt, der andere sei der fehlende Teil der eigenen Identität. Dann können die fehlenden Teile mit seiner Seele, wie bei Kane mit Gliedmaßen gefüllt werden.

Nur was, wenn er geht? Wenn der andere weg ist? Wenn er einen verlässt? Die Leere kommt noch mal und breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit über das eigene Ich aus. Sie verschlingt es. Wie ein Vakuum, das im Gegensatz zum Konzept der Leere eben keine ist, denn das Vakuum bedeutet das Fehlen einer jeglichen Substanz und nicht die Freiheit von ihrer Begrenzung. In unserem Fall wäre die Freiheit, zu wählen, wer man ist zur Qual umgekehrt, sobald die Resonanz mit dem Gegenüber verschwindet.

 

Dann sitzen wir in einem leeren Raum. Wie Toni Takitani aus dem gleichnamigen Film von Jun Ichikawa. Toni füllt die Leere mit nichts. Doch ist sie, die Einsamkeit, eine Projektionsfläche, ein Ort dere Erinnerungen. Toni versucht die Leere zu füllen in dem er Erinnerungen zu beleben versucht. Es gelingt nicht, weil Erinnerungen eben das sind, was sie sind: Erinnerungen. Und jeder andere würde sich in einem einsamen Moment gerne erinnern. Er würde die Einsamkeit wie eine Leere nutzen, als die Möglichkeit, sich an schönes zu erinnern und nicht schmerzhaft darin zu verharren. Aber dann wäre die Leere wieder die positive Offenheit, die die Welt in unsere Seele lässt. Und die Erinnerung als das Betrachtet, was sie ist. Als eine gestige Tätigkeit. Und auch den Schmerz würde sie dann als etwas derartiges betrachten. Als einen Zustand.

Betrachtet das obere bitte nicht als das was es nicht sein sollte, nämlich als einen substantiellen philosophischen Traktat, sondern vielleicht als das was es geworden ist, eine Einladung. Oder doch wie eine voll geschriebene Leere, die es erlaubt hat, dass Begriffe und Theorien und verschiedene Gedanken ineinander fließen konnten ohne sich zu zerstören. Es ist auch eine Einladung. Zum Jonglieren. 

Viel Spaß

 

1, 2, Vergänglichkeit

 

Habt Ihr schon mal an das Ende gedacht? Daran, dass alles mal zu Ende geht, dass alles was anfängt auch stirbt? Dass wir mit jedem Atemzug sterben? Und dass alles, was Ihr anfängt auch zum Schluss kommt? Denn dann kommt das Ende. Oder? Nicht unbedingt.

Denn das Ende, das Vergehen ist in alles Lebendige eingeschrieben. Bereits am Anfang einer Beziehung zu einem anderen Menschen wissen wir, dass diese eines Tages aufhört. Vielleicht bereits nach Monaten. Weil sich das Paar zerstritten hat. Oder nach einigen Jahren. Oder auch dann mit dem Tod eines der Liebenden. Die Liebe hat dann ein Ende. Sie vergeht. Aber sie vergeht mit jedem Tag und mit jeder Sekunde und die frisch verliebten denken nicht mal daran. Viel mehr schauen sie hoffnungsvoll in die Zukunft. Und ängstigen sich davor, was nach dem Ende passiert. Das Ende aber ist schon dabei. Wie bei einem Neugeborenen, das eines Tages stirbt.

Ich glaube nicht. Denn die Frage ist eine andere. Wir denken sehr oft darüber nach, was nach dem Ende passiert. Anstatt die Vergänglichkeit des Lebens zu zelebrieren. Wie seinerzeit Bashō, der in den Frühjahrsblumen bereits das herbstliche verwelken sah. Denn vor dem Ende sollten wir Angst haben. Wir alle. Nicht wahr?

Besser nicht. Ich weiß wovon ich spreche. Ich habe eine Freundin verloren. Aus Angst sie zu verlieren. Es ist typisch. Du denkst an das Ende und meinst, ok, wenn ich sie jetzt fest halten werde, ganz doll fest, kann sie nicht weg laufen. Sie bleibt dann bei mir und die Liebe findet dann kein Ende. Wer will schon fest gehalten werden? Ich kenne niemand. Ich auch nicht übrigens. Und sie? Sie fühlte sich zu stark fest gehalten. Und bat um weniger. Und die Angst stieg. Bis unendliche. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie nicht umhin konnte. Und da ich sie noch mehr fest halten wollte, konnte sie nachher nicht atmen.

Zum Glück ist sie die wunderbarste Freundin, die ein Mann jemals haben kann. Sie versteht. So dass trotz des Endes vielleicht ein neuer Anfang gelingen kann. Doch auch dann wird die Beziehung vergehen.

Was können wir da machen? Damit sie nicht vergeht? Nichts. Wir können die Vergänglichkeit genießen. Das Reifen. Zunächst den Anfang. Er ist immer zart. Und ein wenig unsicher. Weil wir ja nicht wissen, wie es weiter geht. Und ob es klappt. Und auch diese Ungewissheit ist schön. Das hat mir mal die Freundin beigebracht. Doch damals glaubte ich es nicht. Eben in der Angst, dass das Ende naht. Sie ist eine gute Philosophin. Die Freundin.

Was lernen wir daraus? Aus der Vergänglichkeit? Sie ist da. Unumgänglich. Wir kommen nicht um hin, kämpften wir auch so heroisch dagegen an. Aber was, wenn wir mit ihr gehen? Wenn wir die Zeit genießen? Wenn wir jeden Tag, das hier und das jetzt leben. Ohne die Erinnerung an die Vergangenheit. Und Sorgen über die Zukunft. Wenn wir jetzt leben und das annehmen was ist. Dann verlieren wir die Angst. Und wenn das Ende kommt, genießen wir es schlicht.

Ich habe schon mal über das Ende geschrieben. Und über die Vergänglichkeit. Hier. Seitdem hat sich einiges verändert. Viel Zeit ist vergangen.

Heute mal wieder ohne weitere Links.

Das Betrachten des Mondes

Ich kann mich nicht mehr erinnern wo, doch ich habe es gehört, dass Bashō kilometer gegangen ist, nur um den Mond in seiner vollen Pracht zu sehen. Nur deswegen.

Den Mond zu betrachten. Das ist komplizierter als der eine oder andere denkt. Das liegt nicht unbedingt an dem Mond. Viel mehr an der Beleuchtung auf der Erde, die es verhindert, dass wir den Mond sehen können. Denn der Mond sollte ja nicht beleuchtet werden. Viel mehr sollte der Mond leuchten. Manchmal tut er es auch. Und das wäre der erste Punkt.

Tanizaki Jun’ichirō sagte bereits, dass es zunehmend weniger Plätze inJapan gäbe, die eine gute Mondbetrachtung erlauben. Zu seiner Zeit war das elektrische Licht das Problem. Doch es geht nicht um den Platz, um den Ort, von dem der Mond am besten sichtbar wäre. Wir müssten sonst wie Bashō meilenweit laufen. Nein. Es geht um das Bewusstsein. Darum, zu begreifen, dass die Welt ab einem gewissen Zeitpunkt nur verstellt begreifbar ist, nur beleuchtet sehbar. Nur an entegensten Orten viellicht ein kleines wenig so wie sie ist.

Bashō marschierte tagelang nur um den Mond sehen zu können. Und nicht nur wegen des Tsukimi Festes. Und das ist das zweite Geheimnis. Könnt Ihr Euch vorstellen. Meilenweit zu laufen nur um eine kleine Blume zu sehen? Nur um Moos betrachten zu können. Um eine bestimmte Art der gelben Farbe vernehmen zu können? Könnt Ihr es Euch vorstellen? Das alltägliche, das was um Euch herum Tag für Tag passiert, was unwichtig ist, das zu feiern? Denn das ist wahre Mysthik. Ohne absolute Wahrheit. Ohne weitere Theorie. Ohne ein zusätzliches Narrativ. Einfach das Gelb zu betrachten. Denn darum geht es. Bei der Betrachtung des Mondes. Um die Farbe. Und die ist gelb. Nichts weiter.

Und die dritte Geschichte? Es ist ein wenig wie das zweite. Es geht darum, zu merken ob morgens Schnee liegt und es dann mitteilen. Welche Farbe die Blätter haben. Welche das Gras. Ja. Es ist Achtsamkeit, aber eine der Natur zugewandte. Natürlich kann ich es einfacher erklären und sagen, ok, es geht darum, still zu halten und sie zu betrachten. Und es geht darum. Doch nicht nur. Es geht darum, in der Welt zu leben. Die ganze Zeit.

Tsukimi findet im Herbst statt. Und ist schon vorbei. Der Mond ist geblieben und leuchtet jede Nacht. Lassen wir ihn rein.

 

 

Der fehlende Beitrag

Hey,

leider wollte der Text über das Betrachten des Mondes nicht so, wie wir es wollten. Vielleicht zu viele Vampire unterwegs. Wir liefern den Beitrag Montag Nacht nach.

Eure Zenvampires.

 

Das Ende das keins ist. Und der Unterschied.

Ok. Ein Text über Ghost in the Shell. Und über das Ende. Und den Vergleich.

Der Tod ist das Ende. Oder nicht? Es ist nur ein Zustand. Ein anderer.

Und jetzt noch mal über Ghost in the Shell. Warum?Ganz einfach. Weil der Film in Japan gemacht wurde. Und im Westen dann auch noch. Unterschiede lassen sich so am Besten feststellen. Unterschiede, von denen ich gar nicht gedacht habe, es gibt sie. Manchmal. Und vor allem am Ende.

Ich habe mal von dem Unterschied zwischen den beiden Filmen geschrieben, ich habe ebenfalls über das Original geschrieben. Nie über die Enden der Geschichte.

Major Kilian stirbt nicht. Auch ihrem Ghost passiert trotz der bösartigen Attacke nichts. Sie wacht auf und weiß mehr als vorher. Sie weiß jetzt, wer sie war, bevor sie zu Major Mira Kilian wurde. Kompliziert? Bestimmt. Für mich ebenfalls. Also von Vorne. In der neuen Verfilmung werden Menschen nicht nur in künstliche Hüllen gesteckt um als Cyborgs die Welt zu bevölkern. Es ist auch möglich, Gehirne umzuprogrammieren. Mira Kilians Gehirn wurde umprogrammiert. Es wurde manipuliert. Obwohl nicht Mira’s. Es war das Gehirn Motoko Kusanagis was manipuliert wurde. So dass sich Mira an die Zeit vor der Umwandlung nicht erinnern kann. Und Motoko? Sie lebte in ihrem Körper weiter. Schöne, westliche Welt. Wo der Tod das Ende bedeutet. Und Filmhelden nie sterben dürfen. Zumindest nicht vor dem Ende.

In Japan? Ich wage jetzt mal eine These. Mangels des Absoluten ist der Tod nur ein Übergang. Ein Wechsel von einem Zustand in den anderen. Eine Veränderung. Die Welt ändert sich immer. In der Natur ist der Tod der Übergang, es ist nicht das absolute Drama, das uns dann begleiten soll. Nach dem wir wochenlang trauern. Und Weiber weinen. Es ist der Übergang. Vom Sommer zum Herbst. Vom Frühling zum Sommer. Von der blühenden Kirschblüte zur Kirsche. Denn darüber ist bereits Hanami. Dass die Zeit der Blüte vergeht. Und danach etwas Neues tritt.

Motoko Kusanagi stirbt im Anime. Sie stirbt und wird dann wieder geboren in einem neuen Körper. Ghosts können es. Doch sie ist nicht die selbe. Es gab einen Übergang. Es gab eine Änderung. Sie ist nicht mehr sie selbst. Sie hat sich mit Puppet Master vereint. Sie ist mehr.

Und darum geht es doch. Wenn der Sommer jetzt zu Ende geht, so beginnt doch ein wunderschöner Herbst. Etwas Neues. Etwas ganz anderes. Etwas, was wir noch nicht hatten. Auch der Herbst geht eines Tages zu Ende.

Genießen wir ihn.

Heute keine Links.

Tee trinken

Ihr ahnt es bereits, oder?

Ich hatte mich mal mit einer guten Freundin gestritten und ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht mehr, worum es ging. Die meisten Streits sind um nichts. Du ärgerst dich am Ende über dich selbst, weil du irgendetwas gesagt hast, was vielleicht verletzend war. Willst es dann gerade biegen und es geht nicht ohne.

Der Begriff Teezeremonie ist viel zu groß und zu sperrig. Auf japanisch heißt sie chadō. Teeweg. Oder noch einfacher: cha-no-yu. Heißes Wasser für Tee. So hat es jedenfalls der Gastgeber erzählt.

Es hat womöglich wenig Sinn, eine Teezeremonie in Hamburg zu besuchen. Man könnte sie sich ebenfalls im Fernsehen anschauen und dasselbe erleben. Dachte ich. Am Anfang. Dann sind wir doch hingegangen, gingen den kleinen Gartenpfad entlang und setzten uns im Teehaus.

Nach einem Streit erinnert man sich nicht mehr an den Inhalt des Streites. Man erinnert sich auch nicht an den Auslöser. Was bleibt ist der schlechte Geschmack, das Gefühl, etwas ungutes getan zu haben.

Beim chadō ist alles aufeinander eingespielt. Die Farbe der Blumen, das Bild an der Wand, es entspricht der Jahreszeit draußen. Und auch wenn es uns nicht gelungen ist, die schlechten Geister im Garten abzustreifen so würden wir von den langsamen Bewegungen bei der Teezubereitung eingenommen.

Was hat es an sich? Mit den konzentrierten, langsamen Bewegungen? Sie beruhigen. Versucht mal langsamer zu atmen. Oder langsamer, bewusster zu gehen. Oder euch langsamer zu bewegen. Ihr werdet feststellen, wie ihr ruhiger werdet. Dann entspannter.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie draußen Kinder laut waren, ein Hubschrauber kreiste und lauter Verkehr bis ins Innere drang. Wir waren in einer Blase. Und tranken Tee. Aber nicht gleich. Zunächst erhielten wir süßen Gebäck. Danach warteten wir alle geduldig auf den Tee. Und nichts drang hinein. Geräusche, Alltag, der Streit, alles blieb draussen.

Der Teeweg ist über nichts. Es ist einfach die Vorbereitung des Tees. Wie der Abwasch uns etwas über den Abwasch sagt. Nichts mehr. Und nichts weniger. Und der Streit? Der war dann vergessen. Nicht durch den Tee. Durch den Weg, den wir gagangen sind.

Wie schmeckte der Tee? Ideal.

Teezeremonien werden in Hamburg in Planten un Blomen veranstaltet. Ich glaube mich zu erinnern, welche im Museum für Völkerkunde gesehen zu haben. Bin mir aber nicht sicher.

Langsame Bewegungen in der Luft

Ok, in Wahrheit ist es über QiGong

QiGong. Habe ich schon lange nicht mehr geübt. Ich habe mich auch immer gefragt, was es denn bringen sollte? Langsame Bewegungen. Nach links. Dann nach rechts. Dann wieder nach links. Und immer drauf achten, wie der Fuß auf dem Boden aufsetzt. Berührt es den Boden? Ganz? Oder nur ganz leicht, mit den Zehen? Gar nicht?

Ich habe sehr lange gebraucht, um den Sinn der Atmung im QiGong zu verstehen. Dass ich bei der Übung aus und einatme. Also noch mal, nach links, ausatmen, zurück, einatmen. Nach rechts, ausatmen und zurück, einatmen. Irgendwann mal machst Du es von alleine. Du atmest im Rhythmus der Übungen. Du machst es. Nichts weiter. Anfänglich ist es schwierig: Du musst an die Übung denken, an die Figuren, die Du mit den Armen, Beinen, Füssen und Händen machen musst. Die einfachsten Sachen, wenn Du einen Berg weg schiebst (nach links, dann nach rechts und denke an die Atmung!). Bis zu den komplizierten, mit Seitenschritten. Und wenn Du dazwischen eine Kugel in der Hand hältst.

Und dazwischen? Dazwischen stehst Du nicht wie der Ochse aus der alten, chinesischen Sage. Dazwischen denkst Du am Anfang an die Bewegung, daran, was Du machen sollst. Das ist dazwischen. Dazwischen lernst Du eines Tages, dass Du Deine Bewegungen schön machen sollst. Dass es mehr Spass macht, wenn Sachen schön, mit einer gewissen Ästhetik gemacht werden denn nur so. Plump. Es geht um die Ästhik, die auch beim Go — Spiel wichtig ist.

Was haben wir davon? Nichts. Letztendlich sind es schöne Bewegungen in der Luft, die morgens in China verschiedene Menschen durchführen. Nicht mehr. Es ist das Gefühl, sich morgens mit Ästhetik zu befassen, den Boden zu berühren, vielleicht für eine Viertel Stunde sich zu bewegen, eine Mitte zu finden. Wir haben alles davon.

 

Ich bin wer ich bin.

Wer bin ich?

Das ist die erste Frage. Und gleichzeitig die Antwort, ohne Zweifel, ohne auch nur darüber nachzudenken. Ich bin Ich. Ich weiß, wer ich bin, denn ich bin ich. Immer gewesen. Das jedenfalls behauptet Major Mira von sich. Sie denkt, sie wisse, wer sie ist, auch wenn sie es nicht mehr ist. Also ich. Sie ist etwas weniger, ein Haufen Gehirnzellen, die, irgendwo in den Tiefen ihres synthetischen Gehirns mit ihrem künstlichen Körper verbunden sind. Sie machen ihre Erinnerungen aus, sie sind es auch die sie als die definieren, die sie ist. Mira. Mehr braucht es doch nicht um sich als Mensch zu fühlen. Oder? Es reicht vollkommen aus zu wissen, dass ich Zitronensorbet nicht mag und Erdbeeren immer ohne Sahne esse. Das bin ich. Das ist Major Mira.

Doch was bedeutet es?

Nichts. Es hat nichts zu bedeuten. Das Problem, das ich habe ist dies: Major Mira, also der menschliche Teil von ihr in der aktuellen Verfilmung des Animes „Ghost In The Shell“ ist auch mit ihren einigen wenigen menschlichen Zellen nicht sehr originell. Es ist nicht so sehr ihre Schuld. Es liegt viel mehr an der recht langweiligen Verfilmung. Das ich bedeutet nichts. es ist vollkommen austauschbar. Gegen andere Erinnerungen, gegen andere Gefühle, gegen andere Erlebnisse. Die ähnlich sind wie die Major Mira. Liebschaften, vielleicht verletzte Ehre, einfache aber öde Gefühle, die einen Menschen, eine Person eher nachahmen sollen, denn sie zu zeichnen.

Und wozu das ich?

Und wozu? Und es geht auch nicht um die verunglückte Zeichnung der Persönlichkeit unserer Major Mira, die bereits zu diesem Zeitpunkt von einem Virus befallen ist, der in ihr Gehirn, der ihr „Ich“ befallen hat. Hier geht es mir um eine andere Frage. Um die Frage danach, ob wir generell so etwas wie das Ich benötigen um in der Welt zu existieren.

Zu einem wäre da Derrida, der festgestellt hat, dass das ich eher einer Tür gleichen sollte, durch die die Welt, die Erlebnisse durchgehen (ich bin mir nicht wirklich scher, wo er das gesagt hat, ich habe die dunkle Ahnung, dass er es nicht wirklich über ein Ich gesagt hat, sondern über eine Stadt, darüber, dass die Stadt eine Türschwelle ist, durch die die Geschichte durchgeht, doch es spielt keine Rolle, denn der Gedanke zählt und ich fand es eine nette Metapher, zumal Derrida es in einem Interview gesagt hat und nicht in einem seiner zahlreichen Bücher geschrieben).

Zum anderen ist da die Beschreibung der Welt. Vom Ich ausgehend müssen wir die Welt anders beschreiben, als wenn wir auf das Ich verzichten. Han sagt, die koreanische Sprache kenne kein Ich, das Meer erscheint einem, er sehe es nicht. Die Sprache konditioniert das Denken – wir formulieren Gedanken in der Sprache, auch wenn wir diese nicht immer in Worte fassen, so folgen wir stets der genutzten Sprache wenn wir denken. Würden wir die Welt anders erfahren, wenn wir ohne ich diese denken würden? Wahrscheinlich. Lasst es uns machen. Lasst uns ein Experiment starten und die Welt betrachten, ohne „Ich“ zu benutzen. Schreibt bitte die Erfahrungen in den Kommentaren.

Und ohne Ich?

Major Mira hat es nicht. Doch sie denkt, sie habe eins. Doch zu diesem Zeitpunkt ist sie längst vom Virus befallen. Wie zeigt es sich? Ganz komisch. Mira sieht Bilder, erinnert sich an Szenen, die sie glaubt nie erlebt zu haben. Es wird komisch. Immer komischer. Doch sie ist Mira. Major Mira von der gefürchteten Sektion 9 des Innenministeriums. Mira kann es nicht einfach auf sich beruhen lassen. Sie geht den Weg, sie geht den Pfad und sucht nach sich selbst. Bis sie es verliert.

In dieser Geschichte bekommt Major Mira ein völlig neues Ich. Aber dazu werde ich später noch kommen. Denn das Ende ist zu spannend als wenn ich es hier nur kurz behandeln würde.

Und ohne ich?

Genau. Denn was ist es? Das Ich? Nicht viel mehr als ein Werbespruch. Ich weiss wer ich bin wird gnadenlos von der Werbeindustrie ausgeschlachtet um es als Konsumenten zu definieren. Als etwas, das sich nach Belieben formen lässt, durch das wir erst Produkte begehren, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass es sie gibt. Das ich wird gehackt. Und es wird als das Objekt kultiviert. Als das Objekt, das gehackt werden kann. Deswegen sollten wir es haben, wir sollten es hegen und pflegen. Und zusehen, dass es mehr davon wird, dass es sich auf die ganze Welt ausdehnt. Das ich.

Und je mehr wir davon haben, vom ich, je grösser und weiter es ist, je mehr Welt es für sich beansprucht, unser ich, desto mehr merken wir, wie weniger wir werden, bis das ich bleibt und wir als Mensch ganz verschwinden.

 

Der Text ist Teil eins einer kleinen Serie über Ghost In The Shell, die hier demnächst erscheinen wird.

 

Vampire

Dafür, dass wir am Wochenende keinen Artikel rausgehauen haben, möchte ich mich bei Euch mit einem kleinen Tipp revanchieren. Es geht um die Vampire. Eigentlich geht es um Musik, die dahinter stecket und um die Idee, doch lasst es mich beschreiben.

Blood Bitch von Jenny Hval kam am 30. September 2016 heraus doch ich habe gewartet. Es war irgendwann im November als ich das Album tatsächlich runter geladen habe. Ich war sehr skeptisch: Jenny Hval und Herbst, es konnte keine gute Verbindung werden. Dann habe ich noch einige Zeit damit gewartet und dann habe ich irgend wann im kalten Herbstwind die Musik angemacht. Und rein gehört. Und nichts. Beziehungsweise doch etwas, aber nicht das, was ich erwartet habe. Es war nicht die schön – traurige Jenny Hval, keine Innocent is Kinky sondern etwas völlig anderes.

Die Musik ist zugänglicher. Jemand hat „poppiger“ geschrieben, was doch nicht ganz so stimmt, es ist… zugänglicher. Es ist hörbarer. In dem Sinne, dass ich mich dabei ertappte, die Melodien nach einigen Tagen mit zu nippen.

Es wurde dann zu einem kleinen Ritual: Mit Jenny Hval´s Album spazierte ich jeden Tag, ich ging die selbe Route, nicht meditierend, wie ich es hier beschrieben habe sondern ganz einfach so. Könnt Ihr dann das Gefühl? Wenn Ihr Musik intensiv an einem gewissen Ort hört, dann erinnert Euch der Ort an die Musik, dann brennt sie sich da hinein. Dann ist sie präsent und kommt zu einem auch danach. So war es jedenfalls mit mir.

„Wovon handelt das Album, Jenny?“ – fragt eine Frauenstimme. „Von Vampiren“ – antwortet Jenny. Es ist tatsächlich so, das Album ist von Vampiren bevölkert. Und nicht nur.

Als wir den Namen für den Blog gesucht haben, hatte ich wohl noch Musik in meinen Ohren. Und die Antwort auf die Frage, wovon das Album handele. Jenny Hval ist live zu sehen. Auf Arte.