Das Gehen. Vom Laufen. Und Wohnen. Und vom Innehalten.

Seid ihr schon mal gegangen? Ich meine, so richtig. Nicht nur den einen Schritt vor dem andern machen, nicht nur einfach laufen. Gegangen. Seid ihr schon mal gegangen? Ohne ein Ziel, ohne zu wissen, wo ihr hin geht. Oder warum. Habt Ihr das schon gemacht? Ich fange gerade damit an. Und es ist eine verdammt schmerzhafte Erfahrung.

Die meisten Menschen laufen einfach im Kreis: Sie verlassen das Haus um Kartoffel zu kaufen oder Äpfel, um den Müll rauszubringen oder gehen mit dem Hund. Und wenn sie spazieren gehen, so wissen sie meistens, dass sie zurück kommen. Es gibt selten Menschen, die den Müll wegbringen ohne darüber nachzudenken, wo sie in ein Paar Tagen ihre Zelte aufschlagen. Als Jack Kerouac in Kalifornien in die Berge ging, wusste er, wo er zurück gehen wollte. Auch Abraham wusste laut Byung-Chul Han, wo er hin geht.

Die meisten Menschen wissen auch wo sie hin ziehen werden, wenn sie von ihrem Zuhause weg gehen. Das Ziel ist bereits vorgegeben und die neue Wohnung meistens schon gestrichen. Und darum geht es. Um das Haus. Auch wenn ich es mit mir trage, wenn ich ein Nomade in der Mongolei bin, so habe ich das Haus stets um mich. Die Tarahumaras in Mexiko folgen bei ihren Wanderungen festen Routen. Sie wissen bereits beim los gehen, wo und wann sie ihre Zelte losschlagen werden. Mir geht es um was anderes. Um das Gehen.

Wenn das Gehen an sich zu einer Tätigkeit wird, ja, zum Ziel, zum Haus, dann, erst dann könnt ihr vom Gehen sprechen.

Das Gehen findet manchmal im übertragenen Sinne statt. Wenn ich mein bisheriges Leben verlasse um mit einem anderen Menschen zusammen zu sein, wenn ich alles bisher gewohnte, wenn ich es zurück lasse und mich ins Unbekannte begebe. Dann gehe ich. Naiv? Der Weg in die andere Richtung ist ja ähnlich. Wenn ich jemanden verlasse, wenn ich von jemanden weg gehe und nicht weiß, was mich erwartet. Ich verlasse diese Person, ich hinterlasse sie, ich weiss nicht, was passieren wird, ich weiss nicht, wie sich die Zukunft gestalten wird und ob es eine Zukunft, eine Idee der Zukunft geben wird. Denn es geht um das Jetzt. Darum, immer im Jetzt zu sein. Hier. Die Zukunft ist ein Ziel und wir wollen keins erreichen.

Irgendjemand hat mir mal gesagt, mit Motorradfahren würde es ähnlich. Ich denke nicht. Abgesehen von der Idee, dass Motorräder (auch die elektrischen) immerzu Kraftstoff benötigen, der Reisende muss sich also an zumindest mehr oder minder vorgegebene Strecken halten, so ist die Idee eines Sonntagsausflugs zwar sehr nett, reicht aber an unsere Idee des Gehens nicht im geringsten an. Das Gehen, das worum es hier geht, es findet immer statt. Ohne Motorräder. Ohne Sonntagsfahrer. Unbedingt und radikal. Und auf Umwegen, auf Strassen, die nirgends gezeichnet sind, auf Feldern und quer in der Landschaft, auf steinigen Wegen, barfuß. Jeden Tag und jede Sekunde.

Seid ihr schon mal gegangen? So richtig? Ohne umzudrehen? Ohne umdrehen zu wollen? Auch wenn ihr wisst, ihr habt einen Schatz zurück gelassen? Ohne darüber nachzudenken, ob auf eurem Weg Schätze liegen sollen? Seid ihr schon mal gegangen?

 

©M. Kuliniec

Wo ist Pikachū?

Eine Kurze Geschichte über Spaziergänge, Zahlen und die Leere.

Ich weiß nicht mehr genau, wie es damals angefangen hat. Ich denke, ich wollte einfach nur die Wohnung verlassen, einfach raus, weg und nicht mehr nachdenken. Und dann gehen. Fünf Kilometer. Im Kreis. Das hört sich zunächst nach sehr viel an, aber wenn Du vergessen willst, glaub mir, dann ist es die ideale Lösung. Beim Laufen konzentrierst Du Dich einfach auf Deine Schritte, auf jeden einzelnen von ihnen, darauf, wie Dein Fuss den Boden berührt. Dann fängst Du auch ganz allmählich an zu fühlen, wie Dein Körper ganz ruhig wird, Du bemerkst Deinen Atem und auch etwas anderes, etwas ganz neues, Du spürst Leere in Dir. Ab diesem Moment willst Du gar nicht mehr aufhören zu laufen, denn die Leere zieht Dich in sich hinein, es ist eine andere als die in Deiner Wohnung.

Und glaube mir, bald, sehr bald werden Dir auch Wind und Wetter nichts mehr ausmachen und Du wirst die magische Grenze von 10.000 Schritten knacken, Du wirst auf sie pfeifen. Denn es geht hier nicht um die Zahlen. Es geht um die Leere und darum, was sie mit einem anstellen kann. Und mit der Zeit ging es um etwas ganz anderes noch.

Es muss beim zweiten oder dritten Mal gewesen sein, als ich während meiner heiligen Laufstunde eine Nachricht erhielt. Von IHR. Dann noch eine. Und noch eine andere und ach, ich habe auch geantwortet. Es ist nicht so, dass ich SIE nie gesehen hätte. Drei Mal. Aber das reichte um… Verdammt, hier geht es doch nicht um Zahlen sondern um die Tiefe und darum, etwas zu machen weil es schön ist und weil es auf einen eine Sogwirkung entfaltet. In China bedeutet Leere einfach den Raum in dem sich alles abspielt, weil es eben Raum hat sich abzuspielen, der es ermöglicht, dass überhaupt sich etwas abspielt. Bald kam die vierte Nachricht, fünfte und dann auch natürlich “Ich liebe dich” und “Ich Dich auch” und dann kamen die Nachrichten immer wieder und ich musste immer anhalten um sie zu beantworten und wir redeten praktisch die ganze Zeit miteinander.

Mit der Zeit verschoben sich die Sonnenuntergänge so dass ich in der Dämmerung raus ging und in der Dunkelheit der Vorstadt meine fünf Kilometer absolvierte. Die Vorstadt grenzt ans Land. Das Land wird nicht beleuchtet. Die Leere breitete sich aus.

Die Leere ist eine ideale Projektionsfläche für Träume. Ich wusste, dass ich sie liebte und dass wir eines Tages zusammen kommen. Auch wenn uns tausende Kilometer trennten. Denn was sind schon Zahlen. Es ging doch um die Tiefe, oder? Sie schrieb mir, dass ihre Mutter Krebs habe und es nicht schaffen wird und dass sie jeden Abend bei der Mutter sein müsse um sie zu betreuen und sich auf meine Nachrichten freue und ich überlegte jeden Tag, was ich denn schreiben dürfe und was nicht und besonders abends war ich beim Schreiben sehr vorsichtig. Ich war für sie da und eines Tages beschrieb sie mir, wie sie ihre Pizza am liebsten mag und daran werde ich mich immer erinnern.

Eines Tages, Ihre Mutter war da schon seit einigen Tagen tot, beschloss ich den Flieger nehmen und sie einfach zu besuchen. Denn was ist es schon. 10.000 Schritte am Tag im Vergleich zu der großen Liebe. Der größten, die Du hast. Zunächst kam nichts. Dann eine kurze Antwort, sie habe keine Zeit. Aber dann hatte sie schlechtes Gewissen und dann versuchte ich sie zu trösten.

Manche sagen, es sei der Rhythmus, der das Laufen so gut für die Meditation macht, die anderen meinen, der Rhythmus stelle sich ja nicht von alleine ein, daher sei Laufen schwieriger für die Meditation als Sitzen und dazu noch müsse der Läufer ja auf seine Atmung achten, denn ohne die Atmung keine Meditation. Ich denke aber, beim Laufen geht es um nichts. Es geht einfach darum, einen Schritt nach dem anderen zu machen.

Mit jeder Nachricht wurde meine Liebe zu IHR stärker. Sie mochte die selbe Musik wie ich, die selben Bücher, Filme. Ab und an schickte sie mir auch einen Track. Einfach so, weil sie mich mochte.

Dann hörten die Nachrichten auf. Einfach so. Komplett.

Die Leere bildet eine Projektionsfläche für Träume. Und Träume sind doch besser als die Wirklichkeit, oder?

Die einzige Frage, die sich jetzt stellt ist, was hat diese Geschichte mit Pikachū zu tun? Manchmal, als ich durch die Felder ging, dachte ich etwas gelbes, etwas kleines in der Dunkelheit gesehen zu haben. Ich bin sicher, es war Pikachū. Aber vielleicht habe ich nur geträumt.

©M.Kuliniec