Gedanken betrachten

Kann ich meine eigenen Gedanken betrachten? Ja. Sicherlich. Bestimmt kann ich es tun nur wozu ist es gut? Zunächst, weil sie einem ganz anders vorkommen, wenn sie betrachtet werden als wenn sie gedacht werden. Es ist ein wenig so, als wenn ich mein Bein beim Gehen betrachten würde. Mein Bein geht, er geht sogar ohne, dass ich etwas dafür tun muss. Doch wenn ich ihn betrachte, werde ich mir meines Beines bewusst. Kenn Ihr das Gefühl? Ganz krass wird es mit Wunden. Wenn Ihr Euch verletzt aber die Wunde nicht seht, ist es nicht manchmal so, dass diese erst dann anfängt zu schmerzen, wenn Ihr sie seht? Seht Ihr? So ist es mit Euren Gedanken.

Wozu ist es gut, seine Gedanken zu beobachten? Eben deswegen. Um sich der Gedanken bewusst zu werden. Nicht nur der Wunden und der Beine sondern eben auch der Gedanken. Wenn Ihr nämlich versucht zu meditieren, werdet Ihr feststellen, dass Ihr unentwegt denkt. Der Kopf denkt für Euch ohne, dass Ihr selbst denken müsst. Versucht es. Nur für einen Moment. Macht die Augen zu und versucht nicht zu denken. Ihr werdet sehen, es klappt nicht. Und das ist das Problem dabei. Ihr denkt unentwegt. Immer. Wie könnt Ihr es umgehen?

Als ich mit dem Meditieren anfing, da machte ich einen Fehler. Es gibt sehr viele Fehler, die man als Anfänger machen kann, doch wenn man ungeduldig ist oder sehr jung, wie ich damals, dann macht man eben diesen Fehler: Ich versuchte nicht zu denken. In dem Versuch war ich so verbissen, dass ich nicht dazu kam, zu meditieren. Und das war mein Fehler.

Wie könnt Ihr den Fehler umgehen? Eben, in dem Ihr Eure Gedanke beobachtet. Es ist an sich sehr einfach, wenn der meditierende weiss, wie es geht. Nämlich mit dem Atmen. Wenn Ihr Euch beim Meditieren auf Euere Atmung konzentriert, auf jeden einzelnen Atem, wenn Ihr es als Euren Anker in der Meditation betrachtet, wird das mit der Beobachtung der Gedanken schon klappen.

Doch das ist nicht alles. Anders als Beine oder Wunden können Gedanken fies sein. Hinterhältig. Sie tarnen sich. Nicht als Gedanken, als Träume. Davor warnt Meister Katsuaki Sekida, wenn er Zaren Übungen beschreibt. Davor warnen auch andere. Sekida sagt, es gebe zwei Arten von Gedanken. Die einen, es sind Gedanken. Die wir so auch erkennen können. Die wir kennen, weil wir sie haben. Die andere Art der Gedanken sind Tagträume. Und die sind sehr trügerisch. Kann der meditierende doch in einen solchen verfallen.

Keine Sorge. In diesem Fall hilft Euch der Atem. Ihr schaut Euch den Gedanken an, ihr beobachtet, was für ein Gedanke es ist. Und dann, dann kehr Ihr ganz behutsam zu Eurer Atmung zurück. Es ist sehr einfach. Und dann noch mal. Und noch mal.

Und dann. Dann werdet Ihr fest stellen, dass Eure eigenen Gedanken beobachten könnt. Und dass es schön ist.

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Buch: Katsuki Sekida, Zen-Training: Praxis, Methoden, Hintergründe (HERDER spektrum)

Musik: Gorillaz, Humanz

Gedanken: Eigene

SXSW

Dieses Jahr fand wieder das SXSW Festival in Austin, TX statt. Wir waren nicht dabei. Wir werden kommendes Jahr auch nicht dabei sein. 2019 eventuell auch nicht, vieles hängt aber auch davon ab, wie sich die Seite hier entwickelt. Es kann daher durchaus sein, dass wir nie live vom SXSW Festival berichten werden. Statt dessen werden wir in tiefe Meditation fallen und über die kommende oder statt findende Zukunft nachdenken. Wir wissen es nicht.

Von der Zukunft werden wir aber berichten. Wenn wir alle da sein werden. Dann.

 

 

Das Gehen. Vom Laufen. Und Wohnen. Und vom Innehalten.

Seid ihr schon mal gegangen? Ich meine, so richtig. Nicht nur den einen Schritt vor dem andern machen, nicht nur einfach laufen. Gegangen. Seid ihr schon mal gegangen? Ohne ein Ziel, ohne zu wissen, wo ihr hin geht. Oder warum. Habt Ihr das schon gemacht? Ich fange gerade damit an. Und es ist eine verdammt schmerzhafte Erfahrung.

Die meisten Menschen laufen einfach im Kreis: Sie verlassen das Haus um Kartoffel zu kaufen oder Äpfel, um den Müll rauszubringen oder gehen mit dem Hund. Und wenn sie spazieren gehen, so wissen sie meistens, dass sie zurück kommen. Es gibt selten Menschen, die den Müll wegbringen ohne darüber nachzudenken, wo sie in ein Paar Tagen ihre Zelte aufschlagen. Als Jack Kerouac in Kalifornien in die Berge ging, wusste er, wo er zurück gehen wollte. Auch Abraham wusste laut Byung-Chul Han, wo er hin geht.

Die meisten Menschen wissen auch wo sie hin ziehen werden, wenn sie von ihrem Zuhause weg gehen. Das Ziel ist bereits vorgegeben und die neue Wohnung meistens schon gestrichen. Und darum geht es. Um das Haus. Auch wenn ich es mit mir trage, wenn ich ein Nomade in der Mongolei bin, so habe ich das Haus stets um mich. Die Tarahumaras in Mexiko folgen bei ihren Wanderungen festen Routen. Sie wissen bereits beim los gehen, wo und wann sie ihre Zelte losschlagen werden. Mir geht es um was anderes. Um das Gehen.

Wenn das Gehen an sich zu einer Tätigkeit wird, ja, zum Ziel, zum Haus, dann, erst dann könnt ihr vom Gehen sprechen.

Das Gehen findet manchmal im übertragenen Sinne statt. Wenn ich mein bisheriges Leben verlasse um mit einem anderen Menschen zusammen zu sein, wenn ich alles bisher gewohnte, wenn ich es zurück lasse und mich ins Unbekannte begebe. Dann gehe ich. Naiv? Der Weg in die andere Richtung ist ja ähnlich. Wenn ich jemanden verlasse, wenn ich von jemanden weg gehe und nicht weiß, was mich erwartet. Ich verlasse diese Person, ich hinterlasse sie, ich weiss nicht, was passieren wird, ich weiss nicht, wie sich die Zukunft gestalten wird und ob es eine Zukunft, eine Idee der Zukunft geben wird. Denn es geht um das Jetzt. Darum, immer im Jetzt zu sein. Hier. Die Zukunft ist ein Ziel und wir wollen keins erreichen.

Irgendjemand hat mir mal gesagt, mit Motorradfahren würde es ähnlich. Ich denke nicht. Abgesehen von der Idee, dass Motorräder (auch die elektrischen) immerzu Kraftstoff benötigen, der Reisende muss sich also an zumindest mehr oder minder vorgegebene Strecken halten, so ist die Idee eines Sonntagsausflugs zwar sehr nett, reicht aber an unsere Idee des Gehens nicht im geringsten an. Das Gehen, das worum es hier geht, es findet immer statt. Ohne Motorräder. Ohne Sonntagsfahrer. Unbedingt und radikal. Und auf Umwegen, auf Strassen, die nirgends gezeichnet sind, auf Feldern und quer in der Landschaft, auf steinigen Wegen, barfuß. Jeden Tag und jede Sekunde.

Seid ihr schon mal gegangen? So richtig? Ohne umzudrehen? Ohne umdrehen zu wollen? Auch wenn ihr wisst, ihr habt einen Schatz zurück gelassen? Ohne darüber nachzudenken, ob auf eurem Weg Schätze liegen sollen? Seid ihr schon mal gegangen?

 

©M. Kuliniec

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