Über die Betrachtung. Die Natur. Und über eine Ausstellung

Und über die Differenz. Und vielleicht auch über den Zufall.

Denn da gibt es einen. Ich würde vielleicht nicht so weit gehen, wie einst Daisetz Teitaro Suzuki in seinem Aufsatz Über den Zen – Buddhismus gegangen ist und den Vergleich zwischen Ost und West suchen. Denn mittlerweile wissen wir, dass auch die Quiche nicht sehr zimperlich mit der Natur umgegangen sind. Doch vielleicht geht es gar nicht darum. Es geht viel mehr darum, was wir mit dem zufällig angetroffenen so anstellen. Und wo denn der Unterschied liegt. Und weshalb gerade diese Ausstellung davon berichtet.

Suzuki beschreibt Bashō, der zufällig eine Nazuna am Wegesrand sieht, eine unscheinbare, gewöhnliche Pflanze. Der Dichter bleibt stehen und betrachtet sie. Die Betrachtung aber macht ihn eins mit der Blume. Beim Zen geht darum, eins mit der Natur zu sein, die Blume zu sein. Das klingt auf den ersten Blick sehr esoterisch. Wenn ich die phänomenologische Beschreibung hierzu nutzen sollte, würde ich sagen, es geht um die zweite Bewusstseinsstufe, um die Erweiterung unseres Erfahrungshorizonts. Darum, sich zu erinnern, dass auch wir Natur sind, nicht durch den Ozean aus Vernunft, Ideen und Gedanken getrennt von ihr. Dass wir Instinkte haben. Wie eine Nazuna.

Und der andere Teil? Nun, Suzuki beschreibt ein Gedicht Tennysons, der die Blume sieht, sie dann aus dem Mauerwerk mitsamt der Wurzeln rausreisst um sie anzuschauen.

Und hier liegt der Unterschied.

Und die Ausstellung? Sie erinnert mich an die Betrachtung Bashōs. Rolf Naedler zeigt uns zufällig angetroffene Pflanzen, Tiere und auch Käfer. Setzt sie geschickt in einen Spannungsfeld. Setzt sie auf einen Hintergrund, der mal humorvoll ist (das Lachen ist doch die beste Antwort auf einen Koan, oder?) mal ironisch oder neutral. Und der Betrachter? Der Betrachter betrachtet das betrachtete wie Bashō. Ohne die Blume rausreissen zu wollen. Ohne die große Grenze aus Vernunft. Inmitten der Bilder. Und manchmal denkt er eben an die Differenz in der Betrachtung. Das zufällig betrachtete ins Bild zu setzen. Darum geht es bei Bashō. Das erlebte ich bei der Ausstellung. Geht hin, sie dauert noch bis zum 01.12.2019. Im Künstlerhaus Bergedorf (externer Link).

Kana ruft am Ende Bashō in seinem Haiku. Und es ist nicht übersetzbar. „Kana“ rief ich aus als ich die Ausstellung verließ.

Kana!

Von der Wiederholung

Und das ist nicht nur, weil ich manchmal das Gefühl habe, ich würde mich wiederholen. Oder weil der Frühling vorüber und in den Sommer über geht und dann wieder zum Herbst wird. Und manchmal, da passiert etwas und der Herbst beginnt nicht an der gleichen Stelle, wie im vorherigen Jahr. Aber wir merken es nicht. Darum geht es.

Merkt Ihr die auch? Die kleinen Verschiebungen eben? Die Kleinigkeiten? Denn darum geht es. Um einen Kreis, der sich aber immer und immer wieder ändert und die Natur (oder viel mehr das, was von ihr geblieben ist) anders als sonst aussehen lässt. Um die kleinen Unterschiede. Zum gestern. Zum Vorjahr. Der Mond, der heute scheint, sieht nicht genauso aus, wie gestern oder letztes Jahr. Und der Schnee.

Darum geht es. Wie in einem Stück von Steve Reich. In dem gerade die Verschiebungen die Wiederholung bewusst werden machen. Ja. Sie ausmachen. Wie Abstände zwischen den Buchstaben ihre Schönheit erst hervorbringen können. Und Abstände zwischen den Noten die Musik hörbar. Und die Abstände zwischen den Sternen.

Hier geht es darum, sie zu bemerken. Und zu genießen. Und dann die Wiederholung zu merken. Und die Kleinigkeiten festzustellen, die uns die Wiederholung merken lassen.

Letztes Jahr war es warm. Und gestern hat es geregnet. Und es ist wunderschön. Und der nächste Text handelt von Kleinigkeiten. Nur anders als dieser hier.

Über Kleinigkeiten.

Denn sie sind das wichtigste. Obgleich es mir gar nicht um Kleinigkeiten geht. Es geht um kleine Unterschiede, Differenzen, kaum sichtbares. Abstände zwischen den Gedanken, Emotionen, Raum zwischen den Buchstaben. Und zwischen den Erlebnissen. Den darum geht es. Um das, was wir wahr nehmen. Um diesen Unterschied.

Um Ikigai. Und zwar nur um einen Aspekt davon. Den Aspekt der kleinen Entwicklung. Der kleinen Schritte. Kleine Schritte mache ich jeden Tag. Wenn ich aufstehe und dusche. Und wenn ich die Zähne putze. Und ich merke sie gar nicht. Genau so wenn ich den kleinen Übergang zwischen dem Frühling und Sommer nicht merke. Die Tage, wenn es mal regnerisch wird, mal kälter, dann wird es wieder wärmer und wieder kälter und manchmal vergeht ein Monat auf diese Art und Weise und ich merke es gar nicht.

Ich merke es auch nicht, wenn die Abstände zwischen den Buchstaben kleiner oder größer werden. Doch genau darauf kommt es an. Daran, wie groß oder klein die Abstände sind. Und es handelt sich nicht nur um Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Oder um Plakate. Bei gutem Graffiti geht es eben darum. Abstände zwischen Buchstaben. Raum, der für Interpretationen da ist. Oder um den Unterschied doch feststellen zu können.

Denn darum geht es auch bei Ikigai. Um den Unterschied zwischen gestern und heute und morgen. Und darum, ihn fest zu halten. Ihn zu genießen und fest zu stellen. Um kleine Schritte eben, die notwendig sind, wenn wir einen großen Fluß überwinden wollen. Und darum, dass wir es vielleicht selbst gar nicht merken, wie wir darin immer besser werden. Den Fluß zu überqueren. Oder den Morgen zu bewältigen. Oder einfach…

Und darum, glücklich zu sein. Jeden Tag. Mit den kleinen Unterschieden zwischen gestern und morgen. Und übermorgen.

Genießt den Sommer. Wir machen unsere kleinen Schritte.

Über den Frühling. Und den Winter.

Oder lieber doch nicht. Ich könnte jetzt über das Bild oben schreiben. Oder über eine Ausstellung, die ich vor einiger Zeit besucht und für nicht so gut empfunden habe. Und es lag nicht an den einzelnen Exponaten. Viel mehr an dem intellektuellen Überbau, an dem Narrativ, der zu der Ausstellung führte. Der aber, meiner Meinung nach, nicht wieder gegeben wurde, den ich als Betrachter, jetzt ohne mich in die Theorie einlesen zu müssen, so nicht gesehen habe. Darüber habe ich vor einigen Wochen geschrieben. Und einen Beitrag über die Vergänglichkeit versprochen. Und über den Frühling. Und hier ist er nun.

Denn worum geht es bei dem Frühling? Klar. Ich freue mich auch über die Blätter und darüber, dass alles grün wird. Und auch über die Kirschblüte, die ich inständig bewundere. Und ich denke bereits an den Herbst nach. An den Moment, wo aus den Blüten Früchte werden. Wie lecker sie schmecken werden und wie bereits einige, die sie dann, im Herbst, essen, die Frühlingsblüten bereits vergessen haben. Ich kann eventuell auch an die Herbstsonne denken. Dass sie ein wenig anders ist als die Sonne im Frühling. Warm. Doch der erste kalte Wind ist schon da. Und erinnert uns an den Schnee, der bald fallen wird.

Denn worum geht es bei dem Frühling? Etwa darum, etwas kurzlebiges zu feiern? Blüten eines Baumes? Nicht nur. Es geht um die Einstellung. Es geht auch um das Bewusstsein, dass die Kirschblüte fällt. Und dass erst der Sommer kommt und dann der Herbst, Winter, Frühling, Sommer. Und dass die Vergänglichkeit auch etwas magisches hat. Und dass die Magie in der Wiederholung liegt. Und vielleicht auch in der Kunst, den Augenblick betrachten zu können. Für einen nur sehr kurzen Moment. Eine Sekunde vielleicht. Eine Kirschblüte. Einen Atemzug.

Deswegen genießt den Frühling. Und denkt an die Vergänglichkeit. Und die Kirschen im Herbst. Sie sind lecker.

Emptiness is easy.

Über Musik. Die Leere. Und den Tod.

Erstens die Musik

Die Musik sei immer leerer geworden, habe dann gelesen. Instrumente immer mehr zu einer Andeutung, Töne ganz leise. Es stimmt. Zumindest bei Spirit of Eden. Und dann bei Laughing Stock. Und auch dann.

Ich musste spontan an das Mu denken. An die Idee der Leere im Kunststück. Und an Japaner, die in Dicks „The Man in the High Castle“ nach dem Mu in dem Kunstwerk suchten. Es nicht fanden. Und über Han. Und seine Idee der Leere. Denn in der Leere, sagt er (ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich bereits darüber geschrieben habe, über die Leere meine ich und auch darüber, was Han darüber dachte, doch um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wo und was, entschuldigt bitte also, wenn ich diesmal keinen Link setze), nur dort gebe es Platz, damit sich Dinge entfalten können. Betrachten wir fernöstliche Bilder, so seien diese eben leer, damit der Fluß zum Berg werden kann und der Berg zur Wolke und die Wolke dann.

Wie ist es mit der Musik? Der speziellen? Ist sie leer? Entleeret. Vielleicht auch entleerend, ich weiß es nicht. Ich höre aber, dass sie Platz bietet. Für eigene Gedanken, für Ideen, Träume. Und wenn ich die Augen schließe, kann ich in der Leere in „A New Jerusalem“ andere Töne hören. Kann sich die Ruhe ausbreiten. Können Töne zum Berg werden, der Berg zu Gedanken und die Gedanken dann zur Musik. Und vor „Colour of Spring“ ist die Musik weg. Der Anfang bereits eine Leere.

Zweitens die Leere

Die Leere. Ich habe Mal gelesen, er habe zwei mal Leere hinterlassen. Das erste Mal als er beschloß, sich aus dem Musikgeschäft zu verabschieden.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo es war. Doch ich habe irgendwo über den Unterschied gelesen, bei dem Bau der sakralen Bauwerke in Europa und in Japan (klar, ich könnte jetzt auch schreiben: Im Westen und Fernost, doch ich schreib es nicht). Die Japaner bauen ihre sakralen Gebäude, Schreine und Tempel, in abgelegenen Orten. Der berühmte Antai-Ji Tempel liegt nur schwer zugänglich in den Bergen. Versteckt im Wald. Angeblich verlaufen sich die Besucher oft, da GPS dort nicht funktioniert.

Könnt Ihr Euch den Kölner Dom vorstellen? Versteckt im Teutoburger Wald? Oder irgendwo im Harz. Unzugänglich? Ja, unsichtbar? Die Europäer haben die Angewohnheit, Sakralbauten mitten in den Städten zu bauen. Auf der anderen Seite haben sie das Gefühl entwickelt, dass wenn jemand aus der Wahrnehmung verschwindet, er ganz weg sei, nicht mehr existent. Leer.

Drittens der Tod

Der jeden Tag kommt. Wie Abt Muho, Abt des Antai-Ji Klosters sagt. Der bereits am Tag der Geburt da ist, weil er zum Leben gehört wie das Atmen.

Und was kommt danach? Danach sind wir tot. In der Leere. Und wenn Ihr die Leere positiv denkt, so kann dort Musik wachsen, über gehen, zu Ideen werden, Gedanken, Träumen, zum Berg.

Die Alben gibt es überall. Außer Laughing Stock.

©M.Kuliniec

Warum ich den roten Mond nicht fotografiert habe




Warum eigentlich nicht? Ich könnte sagen, ich wollte nicht so früh aufstehen. Und es würde sogar teilweise stimmen. Ich könnte mich auch fragen, ob der rote Mond etwas so aussergewöhnliches ist, das auch sofort fotografiert werden muss. Ehrlich? Ich habe keine Ahnung ob er es ist oder nicht.

Doch dann gibt es eine andere Frage, die ich mir stelle. Und ich muss ehrlich sagen, dass mir der Mond an sich gefällt. Doch das ist nicht die Frage. Ich habe auch den “riesigen Mond” nicht fotografiert als er mal eines Tages zu sehen war. Ich hätte ihn auch nicht fotografiert, wenn er blau gewesen wäre. Ok. Bei grün hätt ich´s mir vielleicht überlegt. Aber nur vielleicht. Aber warum nicht?

Es geht um die Farbe. Um das, wie Barthes es so schön beschrieben hat, “schimmern” des Mondes. Es geht darum, ihn in dem richtigen Moment zu betrachten. Nicht unbedingt dann, wenn er aufgrund einer Teilfinsternis rot wird. Nicht, um das außergewöhnliche zu betrachten. Denn dann ist es keine Betrachtung. Dann ist es ein wundern. Und vielleicht ein mit dme Finger zeigen. Und es ist auf keinen Fall eine Meditation.

Denn darum geht es beim Betrachten des Mondes. Um das gewöhnliche auch. Darum, dass das Licht, das alltägliche Mondlicht, das wir jede Nacht sehen können, tja, dass wir es jede Nacht sehen. Es geht darum, inne zu halten und sich des gewöhnlichen Lichts der Nacht bewusst zu werden. Es zu betrachten. Es in sich aufzunehmen. Und darin eine Ästhetik zu finden.

Es geht also um das stehen bleiben bei Gewöhnlichen Dingen. Beim Grashalm. Beim Laub im Herbst und dem bisschen Schnee, an den ersten Tagen, wenn er noch wenige Millimeter dick ist. Nicht um das außergewöhnliche, das sowieso ins Auge fällt. Und dann geht es auch darum, es schön zu finden. Denn nur dann ist es möglich, die Welt zu betrachten.

Tja.

Darum habe ich den roten Mond nicht fotografiert. Immer wieder den gelben schon. Was fotografiert Ihr so?

Über das Jetzt. Und das Hier.

Hier sind wir schon mal. Ab und an. Nicht allzu oft. Aber jetzt? Habt Ihr schon mal im Jetzt gelebt? Klar. Oder doch nicht? Oder vielleicht doch im gestern? Darüber nachdenkend, was da passiert ist. Oder vielleicht im morgen? Bei Plänen, Sorgen und Träumen? Das Jetzt ist nur schwer zu fassen. Wenn wir darüber nachdenken.

Denn es geht eben nicht darum, einfach nicht zu denken. Es geht darum, das Jetzt zu erfassen. Es zu genießen. Es bewusst fest zu halten. Und es geht um mehr. Wenn ich nämlich im Jetzt bin, dann denke ich anders. Dann bin ich. 

Oft, vielleicht viel zu oft, wollen wir lösen. Deswegen sind wir mit den Gedanken im Morgen. Oder im Gestern. Wir analysieren, haben Angst, prüfen und lösen. Sobald wir dies tun, sind wir woanders. Um das Lösen geht es. Und darum, was passiert, wenn wir uns vom Lösen los lösen? 

Es passiert: …

Und warum das hier? 

Das hier ist etwas anderes. Ich habe schon hier über die Beobachtung der eigenen Gedanken geschrieben. Und letztendlich darum geht es: wenn ich jetzt lebe, werde ich meine Gedanken beobachten können. Ich werde jetzt spüren, dass ich mir jetzt Gedanken über das Morgen mache. Ich werde jetzt meine Sorgen betrachten können. Sie vielleicht auch spüren. Und mir dann Klar werden, wie sich meine Sorgen anfühlen. Ich werde sie nicht lösen wollen. Die Sorgen. Denn sie sind nicht dazu da, sie zu lösen. Sie sind dazu da um sie wahr zu nehmen. Und auch meine Träume werde ich nicht lösen. Sondern sie betrachten. Und ich kann auch in den Träumen woanders sein. Aber solange ich jetzt bin, weiß ich, dass ich in meinen Träumen am Strand liege und Sonne genieße. Und im Grunde weg bin. 

Habt Ihr schon mal im Jetzt gelebt? Ohne etwas lösen zu wollen? Im klaren sein, was Ihr fühlt? Was Ihr denkt und spürt? Und wie sich die Kälte an Euren Armen anfühlt? Habt Ihr sie gespürt? Ohne sie gleich lösen zu wollen?

Macht es. Genießt den Herbst. Das Jetzt. Denn morgen wird das Jetzt schon Gestern sein. Und das Übermorgen morgen. Und der Herbst eine Erinnerung.

Über Pausen, Zazen und GTA.

 

 

Ihr habt es bestimmt schon gemerkt:

Letztes Jahr und auch über den Sommer hinweg kamen die Beiträge für diese Homepage sehr unregelmäßig. Ja, fast gar nicht. Gewiss. Ein solcher Zustand kann auf einen sehr komplizierten Lebenswandel oder gar auf eine Krise der Verfasser des Blogs schließen lassen. Schließlich haben wir es bislang stets versucht, zumindest jeden Samstag einen Beitrag zu veröffentlichen.

Wir müssen ehrlich zugeben, wir, die Zenvampires, waren ein wenig abgelenkt. Zu Einem hat uns die DGSVO den Spaß an dieser Homepage geraubt. Für ungefähr zwei Wochen. Und, wenn wir wirklich, wirklich ehrlich sind, die Gesetze sind nicht so kompliziert. Jemand sagte immer, es sei keine Raketenwissenschaft. Und das ist richtig.

Die Antwort, warum wir so selten und so unregelmäßig veröffentlichten ist viel einfacher. Ja. Banaler. Wir haben gezockt. GTA. Ganz intensiv. GTA St. Andreas.

Jetzt aber haben wir nicht nur alle Missionen durchgespielt. Wir haben es auch geschafft, CJ in Zazen zu unterweisen, so dass er sich bei Bedarf auf seine Gegner stark konzentrieren kann und wie ein Meister Karate kann. Und jetzt kommen wir zurück dazu, für Euch zu schreiben. Die nächsten Themen sind schon in der Pipeline.

Warum eigentlich San Andreas? Und nicht V? Na wegen der Ästhetik.

Verlangsamte Beschleunigung

 

Beschleunigung und Entschleunigung. Zwei Widersprüche. Hier: Das schnelle Leben, die Akzeleration, wobei die Einzelheiten des Augenblicks in der Geschwindigkeit nur verschwommen wahrgenommen werden können. Dort: Die Langsamkeit, die Besinnung auf sich selbst, Achtsamkeit. Ein Widerspruch? Nein.

Beschleunigung. Und es geht gar nicht darum, dass Tage schnell vergehen und wir wissen nicht, wann das Jahr zu Ende ist. Wie ist es anders? Wenn ich auf jeden Atem meines Lebens achte? Wenn ich überlege, wie warm das Wasser ist? Wenn ich ausziehe und irgendwo, fern der Schnelligkeit einen Garten anlege und den Pflanzen beim wachsen zusehe? Merke ich da die Tage?

Ja. Bestimmt. Und ich merke einen jeden Atem. Und es wird mir auch bewusst, dass die Luft morgens anders duftet als am Abend. Ich werde auch aufmerksam, was die Natur angeht und werde darüber nachdenken, wie es sich anfühlt, den Schnee in meinen Händen zu spüren. Ich werde Zeit haben, einer Wespe beim Flug zu zuschauen statt sie nur zu jagen. Vielleicht, doch nur wenn ich viel Glück habe, erkenne ich eine gewisse Struktur in ihrer Flugbahn. vielleicht auch nicht. Vielleicht wird sie einfach ganz wild in meinem Zimmer herum fliegen und ab und an sich hinsetzen. Ich werde das alles beobachten. Und zusätzlich werde ich feststellen können, wie es sich anhört. Wenn sie fliegt. Ist es anders?

Es ist intensiver. Wenn ich auf dem Motorrad schnell fahre, kann ich die Landschaft nur erfassen. Ich werde sie nicht genau betrachten können. Und es liegt nicht nur an der Tatsache, dass ich auf die Straße achten muss. Bäume und Felder um mich herum bilden dann eine Masse, etwas grünes, das an mir vorbei huscht. Gehe ich langsam durch das Feld, kann ich seine Atmosphäre spüren, ich sehe jedes einzelne Korn, ich erlebe das Feld. Ein Unterschied? Nicht unbedingt.

Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster hinaus. Und im Grunde wollte ich gar nicht so philosophisch werden. Doch die Intensität, auch wenn sie in der Meditation vorkommt, ist nur eine Art, das Leben wahr zu nehmen. Auch die Geschwindigkeit ist eine Intensität. Wir nehmen zwar nicht die Umgebung doch die Geschwindigkeit an sich wahr. Wir können uns an ihr berauschen. Sie genießen. Und das Feld, das zu einer Masse geworden ist.

Zumal wir vom schnellen Leben umgeben sind.

Kein Ausbruch also? Doch. Wenn wir beides nutzen. Beide Intensitäten. Und mit ihnen spielen. Mit der Schnelligkeit und mit der Langsamkeit. Mit der Beschleunigung und der Entschleunigung.

Also. Entschleunigt mal kurz. Für einen Moment. Und dann gebt Gas. Es lohnt sich.

 

 

Über die Zeit. Oder über „Your Name“

 

Habt Ihr schon mal über die Zeit nachgedacht? Nein, nicht darüber, wie die Zeit vergeht. Oder über unseren Einfluß auf die Zeit. Sondern daran, dass sie in verschiedenen Richtungen laufen kann. Dass sie nicht nur mal schneller, mal langsamer läuft. Sondern darüber, dass sie eine Wendung nehmen kann. Und dann auch rückwärts fließen kann, dass wir an einen Ausgangspunkt wieder gelangen können. Dass sie manchmal anhält und dass wir dann darüber meditieren können, wie sie ist und was wir mit ihr anstellen können.

Das erzählt 君の名は。oder wie wir es übersetzen “Your Name” von Makato Shinkai. Ich habe den Anime Ende Mai während des Japanischen Filmfests in Hamburg gesehen. Seitdem ist einige Zeit vergangen. Sie ist nicht angehalten. Die Zeit ist eher gerannt seit damals. Das macht nichts. Ich kann zu dem damaligen Punkt kommen und darüber berichten (ich erinnere ich dunkel, dass gerade in dieser Art mit der Zeit umzugehen Derrida in “Ghost Dance” als Geistererscheinung beschrieben hat).

In Your Name geht es darum nicht. Nicht vordergründig zumindest. Es geht auch nicht, trotz des Titels, um die Frage nach der eigenen Existenz. Darüber habe ich schon hiergeschrieben. Doch das war ein anderer Anime. Es geht um etwas ganz anderes. Es geht um die Liebe. Doch dazu gleich weiter.

Ein Junge und ein Mädchen tauschen die Körper, doch ich möchte Euch nicht zu viel verraten. Der Anime ist viel zu interessant um die ganze Geschichte hier erzählen zu wollen. Nur so viel: Zeit ist ein Aspekt, sie fließt am Rande. Manchmal parallel, wenn beide Protagonisten in ihren vertauschten Leben eine Möglichkeit finden, miteinander zu kommunizieren. Wie ist es, wenn ich einen Tag verstreichen lassen muss um an eine mir nahe Person, ja an mich, eine Nachricht zu schreiben. Wie ist es, wenn ich auf diese Nachricht warten muss? Und es ist gar nicht die Frage nach der Geduld. Geduld hat mit der Zeit nichts zu tun. Denn die Zeit fließt unabhängig von der Geduld des Betrachters. Wenn er geduldig ist, kann er höchstens achtsam zuschauen, was passiert, während die Zeit um ihn herum vergeht.

Die Zeit bedeutet auch Gleichzeitigkeit. Wenn Ereignisse gleichzeitig statt finden. Oder wenn zwei liebenden sich ihres Gefühles bewusst werden. Und dann ineinander eintauchen. Denn auch diese Metapher kann “Your Name” sein. Und auch hier spielt die Zeit eine enorme Rolle. Eben als Gleichzeitigkeit. Denn Liebe, im Sinne von Agápe, im Sinne der tiefen Liebe, bedeutet ja, die grenzen des eigenen Ich aufzubrechen und in den anderen einzutauchen. Und Dinge gleichzeitig erleben. Und wenn der andere zum verabredeten Zeitpunkt nicht da ist, wenn eine Katastrophe ihn daran hindert, wenn er gar tot ist?

Das ist der dritte Aspekt der Zeit in “Your Name”. Die Möglichkeiten des Zeitverlaufes. Jeder von ihnen ist wahr. Und jede Realität kann jederzeit auftreten. An jeder Stelle des Lebens. Zu jedem Zeitpunkt. Und oft sind wir uns dessen gar nicht bewusst. Denn wir machen Pläne, haben etwas vor und selten versuchen wir, die Zeit anzuhalten um über sie nachzudenken.

Ich möchte nicht alle drei Zeitstränge beschreiben, die “Your Name” erzählt. Ich würde das wunderbare Ende verraten. Nur eine Sache. Es geht um die Betrachtung der Zeit. Und diese kann sehr lehrreich sein. Daher setzt Euch hin, atmet langsam und betrachtet sie, die Zeit, wie sie vergeht und Wendungen nimmt. Und dann nehmt Euch die Zeit und schaut “Your Name”. Es lohnt.

Heute keine Links.