Hamburg Calling

Unter „Hamburg Calling“ werden ziemlich unregelmäßig Bilder von Max Dogin sowie kleine Texte veröffentlicht. Die Texte sollen das Bild nicht kommentieren, es vielleicht ergänzen. Auf jeden Fall eine kleine Geschichte erzählen. 

 

@ Max Login und Aga Tar

Paradise Lost

Hallo. Hier spricht Hamburg. Und wir wollten Euch nur sagen, wir leben im Paradies.

Wir leben in der schönsten Stadt der Welt. Mit einem großen, grünen See. In der Mitte der Stadt! Die vielen Gärten, mit Blumen, oh, schau Dir all die Farben an, schau Dir an, wie Schmetterlinge, mitten im Gewühl der Stadt, zu den Blumen fliegen und sie ganz behutsam bestäuben. Wir leben im Paradies.

Mit all den hübschen Gebäuden an der Alster. Mit Planten un Blomen und dem Hafen. Es ist immer sehr schön, im Sommer Schiffe von der anderen Seite der Elbe zu beobachten. Am Elbstrand liegend. Und der Jungfernstieg! Ist er nicht schön? Schau. Eine Kamera. Aber sie tut nichts. Sie beobachtet nur, ob jemand böses tut. Wir machen doch nichts böses, dann brauchen wir auch keine Angst zu haben. Warst Du schon Mal in Eppendorf? Mit den alten Rotsteinhäusern? Ja. Es gibt dort die Polizei, aber sie tut doch nichts. Sie soll Dich nur beschützen. Mit ihren Maschinengewehren. Doch wenn Du ihnen zu nahe kommst…

Hallo. Hier ruft Hamburg. Und wir wollten Euch nur sagen, wir leben im Paradies.

 

 

 

© Max Dogin und Aga Tar

IF THE KIDS ARE UNITED

Hallo, hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Vielleicht. Aber die bekommen ein viel größeres. Chefs. Bosse. Vorstandsvorsitzende. Direktoren. Die sich einreden, dass sie über unser Leben bestimmen können. Die mit aller Macht versuchen, es zu tun. Und uns einreden, wir wären alle einsam. Jeder für sich. Ist seines Glückes Schmied. Denn jeder einzelne kann ja über sein eigenes Leben und das der anderen bestimmen, und er nur alleine könne es schaffen und wenn er es nur vermiede, sich mit den anderen zusammen zu tun, dann werde er so glücklich wie das kleine Kind. Das im blauen Hemd, der Junge der da mit seiner Mutter an einem sonnigen Tag spazieren geht. Es ist windstill. Ganz ruhig. Der Junge nimmt einen Schluck aus der Flasche und ist glücklich. Schaut her.

Ein Scheiss ist es.

Es wird nicht funktionieren, meine Lieben, wir bleiben nicht allein. Denn wir vereinen unsere Kräfte und dann werden wir aus unseren Löchern kommen und von dieser stinkenden reichen Stadt aus das ganze Kontinent mit unserer Kraft überschwemmen. Und dann, tja, dann werden wir sehen, wo ihr bleibt und ob ihr dann auch so brav an der Hand läuft. Der Junge ist nicht allein.

Hey. Hier ruft Hamburg. Und wir haben kein Problem.

 

 

 

© Max Dogin und Aga Tar

Der Spaziergang

Hallo, hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Wir werden überschwemmt.

Jeden Sonntag und vor allem jetzt. Wenn das Wetter so schön und die Luft ach so süss ist. Wir werden überschwemmt. Tonnenweise von Spaziergängen, von Joggern, Läufern und den kleinen Yogis, die nach dem reichhaltigen Sonntagsbraten ihre Kalorien ausgerechnet an der frischen Luft verbrennen wollen und mit ihren zarten Füsschen unsere Wege zertrampeln. Sie zerstören die kleinen Blumen, Schneeglöckchen, die sich gerade ausgerichtet haben um ein wenig Sonne zu tanken, den Rasen, der jetzt erst wächst, der jetzt besonders viel Energie benötigt, der jetzt ebenfalls nach de Sonnenstrahlen sucht. Es wird keine Rücksicht genommen. Auf junge Insekten, Fahrradwege, Strassen, asphaltierte Pfade, elegante Bürgersteige. Auf nichts wird Rücksicht genommen. Nicht auf kranke oder alte, auch nicht auf unsere Ideen, unsere Träume und auf die Liebe auch nicht. An einem sonnigen Sonntag.

Hallo. Hier ruft Hamburg. Wir werden überschwemmt. Und die Überschwämmer spazieren munter weiter.

 

 

©Max Dogin und Aga Tar

Krieg

Hallo, hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Wir gehen unter.

Der Krieg ist ausgebrochen und er zerstört die ganze Stadt. Er zerstört Häuser, Parks und Spielplätze und die Elbe, sie ist nur noch rot. Ein Krieg. Zwischen Stadtteilen, Familien, Nationalitäten und auch zwischen den einzelnen Bewohnern. Der Krieg lohnt sich in der Stadt, denn Krieg hat schon immer eine heilsame Erneuerung bedeutet. Den Krieg darfst Du nicht als etwas schlimmes auffassen, Bruder. Nur manchmal. Wenn Kampfhandlungen überhand nehmen und Geschäfte nicht mehr möglich sind. Nur dann kann es schlecht sein für die Stadt. Doch es gibt welche, die immer Gewinne machen können. Ein Krieg. Auch ich der U-Bahn und Abends auf der Couch. Ein Krieg darum, wer Recht hat und wer mehr ab haben wird, von dem Reichtum. Und auch um Macht geht es. Darum, wer, wie, wann und wen unterdrücken darf. Und, mein Lieber, auch ein Krieg um die Farbe der Gardinen am Fenster und die Möhren am Wochenmarkt und um den richtigen Kuss. Ein Krieg. Darum, wer besser küsst.

Hallo. Hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Wir gehen unter. Und wir ziehen Euch alle mit.

 

©Max Dogin und Aga Tar

Erfolg

Hallo, hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Wir gehen unter. Wir werden erschlagen. Von all dem Erfolg. Wir werden erdrückt vom Reichtum, von den Milliarden, den Gewinnen. Von all der wirtschaftlichen Kraft, die wir zur Schau stellen, die wir dann hanseatisch verstecken, hinter dem dunkelblauen Anzug und dem blondem Schopf. Doch innerlich, da lachen wir. Es ist längst nicht mehr der Hafen oder die Paar Schiffchen, die da auf der Elbe fahren. Mittlerweile können wir mit allem Geld machen. Mit schlechtem Wetter, der hässlichen Aussicht, Kaffee natürlich aber auch damit, wie die Bohnen zubereitet werden, mit Hass, Sehnsucht, mit hübschen Aussichten und Bäumen, in der Innenstadt, wenn Du auf der Terrasse sitzt, der guten Terrasse… wer würde dafür nicht tiefer in die Tasche greifen, und ach, so nah an der Innenstadt. Mit Liebe, mit Liebe kannst Du immer noch Geschäfte machen oder noch besser, mit dem blossen Versprechen der Liebe. Das ist das beste Geschäft, denn dann musst Du nichts machen, Du versprichst einfach etwas.

Und mit Deiner Armut, mein Freund. Auch damit machen wir hervorragende Geschäfte. Wie? Ach, das werden wir Dir natürlich nicht verraten. Denn wir mögen keine Konkurrenz. Wir hassen sie.

Hallo, hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem. Wir gehen unter. Doch wir haben keine Angst. Statt dessen genießen wir eine kalte Koka Kola auf dem Jungfernstieg. Ciao.

 

 

©Max Dogin und Aga Tar

Gefühle

Hallo. Hier ruft Hamburg. Wir brauchen Eure Hilfe. Wir gehen unter. Wir hören auf zu existieren. Denn wir leben in einer Stadt in der Gefühle nicht möglich sind. Wir gehen unter. Jeden Tag, Jede Sekunde, nach einem jeden Gedanken gehen wir mehr und mehr unter. Und, wisst ihr was? Manchmal interessiert es uns gar nicht. Manchmal betrachten wir den Untergang in einem Zwischenraum aus Indifferenz und Gleichgültigkeit. Wir gehen unter. Und dann hassen wir. Oder noch schlimmer, wir interessieren uns nicht. Wir gehen unter. In dieser Stadt in der Liebe nicht mehr möglich ist. Sie wird gleich in Zeit, Raum und Geld umgerechnet, sie wird gleich benannt, beziffert und dann katalogisiert. Und wenn sich jemand findet, dem Du vielleicht nur Dein Lächeln spendest, er wird sofort misstrauisch. Das Lächeln ist hin.

Hallo. Hier ruft Hamburg. Wir brauchen Eure Hilfe. Wir gehen unter. Und mancher von uns realisiert es noch gar nicht.

 

 

 

©Max Dogin und Aga Tar

Touristen

Hallo. Hier ruft Hamburg. Wir haben ein Problem: Wir gehen unter! Wir gehen unter. Verschwinden ganz langsam. Unter den Tonnen an Fahrzeugen. Unter den Tonnen an Fahrrädern. Unter den Tonnen an Touristen, die jeden Tag unermüdlich die ganze Stadt überfallen.

Ok. Du kannst dich hinstellen und sagen, hier und jetzt, es sei sehr gut für die Stadt. Du kannst argumentieren, die positive Entwicklung der Besucherzahlen der Stadt Hamburg helfe sehr stark dabei, sich auf die Zukunft vorzubereiten, zumal vor dem Hintergrund einer unsicheren . Du kannst dann auch argumentieren, die Besucherzahlen würden die Entwicklung der gesamten Metropolregion auf positive Weise beeinflussen und den Menschen, die im näheren Umkreis der Stadt wohnen direkte Voreile bringen. Du kannst auch sagen, die neuen Strassen und die neuen Gebäude…

Bullshit. Nichts davon stimmt und das weisst Du auch. Denn nichts davon ist für uns. Es gibt einige wenige, die davon profitieren und ich sage Dir, mein Bruder, wir können Dir bestimmt jeden einzelnen Namen nennen, doch es bringt nichts. Denn dann kommen andere und bringen ihre eigenen Touristen mit und werden weitere Hotels bauen und wieder die Stadt überfallen. Vielleicht nicht heute. An einem sonnigen Sommertag vielleicht. Wenn ein leichter, warmer Wind von der Elbe her wehen würde und ein weisser Schmetterling herbei geflogen kommt. Er setzt sich hin, am Elbstrand, an einem kleinen Grashalm. Der Wind berührt nur sanft Dein Haar, ganz leicht, Du kannst es gar nicht spüren. Und dann kommen sie. Milliarden Menschen. Um Milliarden Euros auszugeben. Jede Sekunde. Auf jedem verdammten Quadratmillimeter dieser Stadt. Und den Schmetterling wirst Du nie wieder sehen. Vielleicht nur einen Typen im schwarzen Hootie mit Totenkopf.

Hier ruft Hamburg. Wir haben keine Chance. Weint uns nicht hinterher. Wir haben es selbst so gewollt. Wir gehen unter.