Zwei Konzerte. Vier Gedanken. Keine Zeit.

Erster Gedanke
Zukunft. Vergangenheit.

In Matèrie et mémoire sagt Bergson, wir erfahren die Realität mit jeder Sekunde. Um die Erfahrung zu beschreiben, untersucht Bergson den Weg der Information biologisch. Wir erhalten eine neue Information und vergleichen diese mit der bislang bekannten (ich möchte jetzt nicht weiter ausholen, dies würde die Form des Beitrags hier sprengen). Künftiges allerdings, unabhängig der Idee der Zeit, die wir nutzen, können wir nicht unmittelbar, sondern erst in der Zukunft erfahren.

Suchen wir nach der Zukunft, stoßen wir auf eine Grenze. Ich würde an dieser Stelle den phänomenologischen Begriff des Erfahrungshorizontes nutzen wollen. Mit anderen Worten, wissen wir nicht so genau, was in der kommenden Sekunde passiert. Wie sollten wir uns dann das Ende der Welt vorstellen wollen.

Hierzu (zu dem Ende der Welt) wollte das Theater Wałbrzych mit seinem Stück Piosenki na koniec Świata einen Beitrag leisten. Und scheiterte.

Zweiter Gedanke
Das Jetzt.

Nutzen wir meine gewagte These vom Erfahrungshorizont, können wir uns anschauen, wie wir mit einem solchen umgehen. Was passiert, wenn wir an Unbekanntes treffen? Es passiert, was Bergson in seinem Buch beschrieb: Wir fangen an, unsere Erfahrungen heran zu ziehen. Anders als bei der Verarbeitung des jetzt erlebten fangen wir an, die Erfahrung in die Zukunft zu projizieren (wobei auch im Polnischen “das Ende der Welt zwei verschiedene Bedeutungen hat: Als das zeitliche Ende sowie das geografische Ende der Welt).

Das Theater Wałbrzych ist in diese Falle getappt. Es präsentierte uns Lieder der Vergangenheit, die es für repräsentativ hielt. Ich kann jetzt über die Auswahl der Lieder schreiben, das tue ich aber an der Stelle nicht. Es geht mir um etwas anderes.

Das Konzert war eine vertane Chance. Vertan, weil es nichts über die mögliche Zukunft sagte. Auf der anderen Seite sagte es auch nichts darüber aus, wie sich die Menschheit ein mögliches Ende der Welt vorstellen würde. Es sagte überhaupt nichts. Vielleicht nur die schlechte Erfahrungen, die der Zuschauer beim Konzert gemacht hat.

Dritter Gedanke.
Das Jetzt.

Das Jetzt. Wenn ich Bergson lese, habe ich das Gefühl, es sei der Punkt, an dem ich mich immer befinde. Bergson nutzte den kantischen Konzept der Zeit. Die Schwäche des Konzepts habe ich mehrmals beschrieben. Eine Wiederholung der Beschreibung würde den Text hier sprengen. Nur so viel vielleicht: Das Konzept erlaubt lediglich eine starre Auffassung der Zeit nach der wir uns stets im Jetzt befinden. Die Vergangenheit ist eine Erinnerung. Die Zukunft ist ungewiss. Gleichzeitigkeit findet nicht statt, weil wir uns in diesem Konzept auf einer geraden Linie von A nach B bewegen. Das heißt, Vorgänge, die gleichzeitig in der Vergangenheit, der Zukunft und jetzt statt finden, sind in der Idee Kants ausgeschlossen. Zum Anderen handelt es sich bei diesem Konzept um eine recht einfache Idee.

Die Kritik am Kant soll nicht als Kulturrelativismus verstanden werden (im Sinne Putnamms) sondern seine Ignoranz gegenüber anderen philosophischen Konzepten nachweisen.

Das erlebte jetzt hat auch eine andere Dimension. Es kann Erinnerungen erwecken. Es kann aber auch ganz neue, unbekannte Erlebnisse hervorrufen. Bei der Meditation des jetzt geht es also nicht nur um das Verharren im Hier und Jetzt. Viel mehr geht es darum, dass wir unerwartet etwas Neues erleben können. Welche Erinnerung das Neue später in uns hervorrufen wird, ist erstmal nicht unser Problem. Das regelt, nach der Idee Bergsons, unser Gehirn schon.

Vierter Gedanke
Die Vergangenheit. Das Jetzt.

Das Konzert Zanurzenie (Das Eintauchen) fand in einem verlassenen Schwimmbad statt. Das Paar Evgeniia Klemba / Dawid Dąbrowski nutzte das Setting für Licht- und Musikkompositionen. An diesem Punkt trafen zwei Vergangenheiten aufeinander. Die erste ist die offensichtliche. Das ist die einfache Vergangenheit der leeren Schwimmhalle. Das Fehlen des Wassers. Die Veranstaltung, die sich die Vergangenheit zunutze machte. Und die Tatsache, dass das Schwimmbad seit einiger Zeit unbenutzt ist. Die zweite Vergangenheit ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Aber auf den zweiten sehr interessant. Es ist die Vergangenheit der Musikstücke, die speziell für ein Setting, für ein Gebäude komponiert wurde. Die auf diese Weise erst die spezielle Akustik des Raumes nutzen konnten. es ist die Vergangenheit des Aufwandes. Und die Vergangenheit, die uns in das Jetzt führt. Nicht als Erinnerung, als Erlebnis.

Die Meditation ergab sich aus dem Eintauchen in die Musik. Auch hier hat der polnische Titel (wie der deutsche) zwei Bedeutungen. Erst durch das Eintauchen in die Musik- und Lichtkomposition erlaubte dem Zuhörer in Hier und Jetzt zu sein. In der Zeit einzutauchen. Sie jetzt zu genießen und die Vergangenheit und Zukunft vergessen zu lassen. Auch ohne den speziellen Aufbau zu bemerken, den Dąbrowski nutzte.

Das Eintauchen bleibt als eine schöne Erinnerung. In… Erinnerung.

Beide Konzerte fanden statt im Rahmen des Festiwal Malta in Poznań (hier ein externer link: https://malta-festival.pl/en/) statt.

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