Die Leere

 

Die Leere also. Das Nichts. Leere Felder zwischen den schwarzen und weissen Steinen auf einem Go Feld. Die Zeit zwischen zwei Noten. Die Leere. Viele Möglichkeiten. Oder doch nicht? Oder verhindert gerade die Leere, dass Möglichkeiten entstehen? Saugt sie in sich auf? Die Leere also.

Ein Zustand ohne Substanz. Zumindest beschreibt es Han so. Ein Zustand, den ich, wenn ich gut bin, während der Zen Übung erreichen kann (nicht zu verwechseln mit Satori, da geht es um etwas anderes). Der mir erlaubt die Welt zu sehen wie sie ist. “Leerheit” übersetzt Han den buddhistischen Begriff sûnyatâ. Ich kenne auch noch den anderen. Das japanische Wu oder das chinesische Mu. Die Leere. Der Zustand, in dem keine Gedanken stören. Aber da ist noch mehr als nur das. Es ist eine Lebenseinstellung. Es geht darum, das eigene Ich nicht in den Vordergrund zu stellen. Eine Position, die Welt an sich zu lassen, ohne die eigene Einstellung zu ihr. Es geht darum, die Welt roh, ungefiltert betrachten zu können. Ein Versuch de unmittelbaren Erfahrung der Welt. Ohne Erwartungen, ohne Hoffnungen, ohne ein Ziel und ohne eine Vorstellung. Einfach da zu sein in der Welt und die Erfahrungen an sich lassen. Es gelingt nur, wenn die Seele leer ist.

Die Leere. Im Raum gedacht bedeutet sie Möglichkeiten. Denn nur in der Leere können Gegenstände ineinander übergehen. Kann der Berg zu einem Fluss und einem Feld werden. Nur in einer leeren Landschaft besteht die Möglichkeit des fließenden Übergangs. Ohne feste Grenzen, ohne fest definierte Substanz. Die Leere Landschaft ist der Ort an dem sich die Substanz ausbreiten kann, gleichzeitig das substanzielle verlierend. Wo sie ihre Art verliert und dadurch zu dem wird was sie ist, zum Leben. Denn im Leben ändern sich ständig Zustände, Empfindungen und Erwartungen.

Die Leere also. Das Nichts. Die Abwesenheit der Substanz die alles möglich macht. Oder noch mehr? Die Möglichkeiten erinnerten mich mal in einem anderen Kontekst an Sarah Kanes Stück “Gesäubert”. Ich lehne mich jetzt seehr stark aus dem gedanklichen Fenster, doch damals dachte ich daran, dass fehlende Gliedmaßen der Protagonisten Möglichkeiten eröffnen. Möglichkeiten, jemand anders zu sein. Möglichkeiten, sich in eine andere Person zu verwandeln. Aber wozu? Nun. Um die innere Leere zu füllen. Die Leere, die entsteht, wenn die eigene Identität versagt. Oder die Leere, die entsteht, wenn wir auf der Suche sind und überzeugt, der andere sei der fehlende Teil der eigenen Identität. Dann können die fehlenden Teile mit seiner Seele, wie bei Kane mit Gliedmaßen gefüllt werden.

Nur was, wenn er geht? Wenn der andere weg ist? Wenn er einen verlässt? Die Leere kommt noch mal und breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit über das eigene Ich aus. Sie verschlingt es. Wie ein Vakuum, das im Gegensatz zum Konzept der Leere eben keine ist, denn das Vakuum bedeutet das Fehlen einer jeglichen Substanz und nicht die Freiheit von ihrer Begrenzung. In unserem Fall wäre die Freiheit, zu wählen, wer man ist zur Qual umgekehrt, sobald die Resonanz mit dem Gegenüber verschwindet.

 

Dann sitzen wir in einem leeren Raum. Wie Toni Takitani aus dem gleichnamigen Film von Jun Ichikawa. Toni füllt die Leere mit nichts. Doch ist sie, die Einsamkeit, eine Projektionsfläche, ein Ort dere Erinnerungen. Toni versucht die Leere zu füllen in dem er Erinnerungen zu beleben versucht. Es gelingt nicht, weil Erinnerungen eben das sind, was sie sind: Erinnerungen. Und jeder andere würde sich in einem einsamen Moment gerne erinnern. Er würde die Einsamkeit wie eine Leere nutzen, als die Möglichkeit, sich an schönes zu erinnern und nicht schmerzhaft darin zu verharren. Aber dann wäre die Leere wieder die positive Offenheit, die die Welt in unsere Seele lässt. Und die Erinnerung als das Betrachtet, was sie ist. Als eine gestige Tätigkeit. Und auch den Schmerz würde sie dann als etwas derartiges betrachten. Als einen Zustand.

Betrachtet das obere bitte nicht als das was es nicht sein sollte, nämlich als einen substantiellen philosophischen Traktat, sondern vielleicht als das was es geworden ist, eine Einladung. Oder doch wie eine voll geschriebene Leere, die es erlaubt hat, dass Begriffe und Theorien und verschiedene Gedanken ineinander fließen konnten ohne sich zu zerstören. Es ist auch eine Einladung. Zum Jonglieren. 

Viel Spaß

 

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